Die Sprache der Musik


 

 oder

WRITING MEETS MUSICAL

Nach langer Zeit des Schweigens melde ich mich endlich wieder zu Wort. Und das sogar in mehreren, unterschiedlichen Sprachen.

Nein, ich habe in den letzten Monaten keine Fremdsprachen gelernt, sondern war vielmehr damit beschäftigt, mein Leben und mich neu zu sortieren. Dass so etwas etwas dauert, werdet ihr sicherlich verstehen. Schließlich muss man dabei darauf achten, dass am Ende Kopf, Arme und Beine an den richtigen Stellen bleiben. Die Reaktionen meiner Mitmenschen lassen darauf schließen, dass mir das gelungen ist.

Abgesehen davon war ich, was das Schreiben betrifft, nicht ganz untätig. Die Geschichte über meine Grenzgängerin, Maria, ist fertig und steht zur Veröffentlichung bereit. Es war eine besondere Erfahrung, daran zu arbeiten und zu lernen. Nur zur Erinnerung, es geht darin um eine junge Frau, die – wie alle Frauen im ersten Weltkrieg – plötzlich neue Rollen einnehmen musste. Diesmal war es nach Kriegsende allerdings anders, als sonst: Die meisten Frauen wollten nicht mehr zurück in ihre alten Rollen. Sie bekamen ein neues Selbstverständnis und –bewusstsein. Leicht war es allerdings nicht, weil man nicht nur gegen die gewachsenen Strukturen der Gesellschaft kämpfen musste, sondern auch gegen das anerzogene Pflichtbewusstsein in sich selbst.

Nun, da diese Geschichte abgeschlossen ist, kann ich mich meinem neuen Projekt widmen. Und damit wäre ich bei der Sprache der Musik bzw. der Vielfalt in unserer Sprache. Als Autorin beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem geschriebenen und gesprochenen Wort. Aber nehmen wir an, all das würde im luftleeren Raum stattfinden. Ohne die Sprache des Körpers. Ohne Stimme. Klanglos. Nehmen wir weiter an, eine Person verzichtet auf die verbale Kommunikation. Bekommen dann diese nonverbalen Sprachen nicht wesentlich mehr an Gewicht? Genau darum wird es in meiner aktuellen Geschichte gehen.

 

Wart ihr eigentlich schon einmal in einem Musical?

 

Wenn nicht, solltet ihr das nachholen, denn dort wird in jeder erdenklichen Sprache gesprochen. Durch die Geschichte, die ich im Kopf habe, habe ich mir plötzlich die Frage gestellt, ob das erlernbar ist; wie Phrasen aus dem imaginären Wörterbuch: „Wie bestelle ich einen Kaffee auf Chinesisch.“ Als ich mich näher mit alledem beschäftigt habe, bin ich im Internet auf eine Ankündigung gestoßen, die sofort meine Aufmerksamkeit erregt hat:

Vier Stars der Musical-Szene (JAN AMMANN, LUCY SCHERER, MARC CLEAR, EMANUELE CASERTA) trafen in Östringen auf die Sternchen der Musical AG der Thomas-Morus-Realschule. Was soll ich sagen? Es war eine großartige Veranstaltung, bei der wirklich alle Sprachen in allen Lernstadien zum Einsatz kamen. Was zur Folge hatte, dass alle Sinne angesprochen wurden. Bei allen Anwesenden.

Die Stars mit dem Gastgeber Lukas Jösel
© Mike Reis Primalicht
Das Warten auf den Einlass war bereits ein Erlebnis für sich. „Meinst du Jan und Lucy singen Unstillbare Gier?“ „Die Solisten sind sicher schon aufgeregt.“ „Marc spielt doch in Leipzig bei Jekyll & Hyde.“ „Der Lukas Jösel hat mit ihnen die Lieder in nur sechs Wochen einstudiert.“ „Emanuele war beim letzten Mal so begeistert, dass er selbst bei einer Aufführung der Musical-AG mitgemacht hat.“

All diese Sätze waren zu hören. Ich konnte zwar die Menschen dazu nicht ausmachen, aber die Stimmen klangen allesamt aufgeregt. Dazwischen mischte sich Pizzageruch. Eine Gruppe von Musical-Begeisterten hat die Wartezeit nämlich dafür genutzt, sich Pizza bringen zu lassen. Alles in allem herrschte bereits hier eine tolle Stimmung.

Im Saal gab es dann noch die Steigerung. Daran war aber nicht der Sekt Schuld, der – neben anderen Getränken und Snacks – angeboten wurde.

Dann ging es endlich los: Die ersten Töne erklangen. „Music was my first love“ und jeder fühlte sich angesprochen. Das war Kommunikation in Reinkultur, denn die Zuschauer antworteten … ohne Worte. Und so ging es den ganzen Abend weiter. Die Akteure sprachen miteinander und mit dem Publikum.

Über die Musik von einem großartigen Orchester. Über Bewegung. Über Lieder aus vielen unterschiedlichen Musicals. (Unstillbare Gier“ aus Tanz der Vampire war übrigens auch dabei. Und worauf viele um mich herum geachtet haben: Jan hat Lucy gebissen.)

Ein großartiges Orchester © Mike Reis Primalicht
Der Biss © Mike Reis Primalicht

Am Anfang war aus der einen oder anderen Stimme die Aufregung zu hören. Nur ein leichtes Zittern. Aber das legte sich immer mehr. Und am Ende blieb eine bunte Mischung aus Liedern, die allesamt für sich und zwei davon ein wenig mehr für mich sprachen. Das war zum Einen „We go together“ aus GREASE, weil ich es faszinierend fand, wie man mit bedeutungslosen Silbenfolgen so gut kommunizieren kann. Und zum Anderen war es „Frei und schwerelos“ aus WICKED, weil dieses Musical in meiner neuen Geschichte eine nicht unwesentliche Rolle spielen wird.

Der Grund dafür ist, dass darin für mich sehr eindrucksvoll gezeigt wird, was passieren kann, wenn die Sprache zu sehr auf das Erzählte ausgerichtet ist und man zu sehr auf reine Äußerlichkeiten achtet, anstatt zu sprechen. „Show, don’t tell“ wird einem als Erstes ans Herz gelegt, wenn man einen Roman schreiben will. Mit dieser Überlegung schließt sich auch schon der Kreis zu „WRITING MEETS MUSICAL“. Noch eine kleine Anmerkung am Rande: Schade, dass WICKED in Deutschland nicht mehr aufgeführt wird. Nicht nur, weil es ein großartiges Musical ist, sondern auch weil das Thema Vorurteile aktueller ist denn je.

Was die Körpersprache betrifft, so saß ich leider zu weit von der Bühne weg, um mir ein genaues Bild machen zu können. Aber es war mit den Sätzen beim Warten: Es hat mich alles erreicht.

© Mike Reis Primalicht
© Mike Reis Primalicht

Zumindest so weit, wie es mein Blick nach vorne zugelassen hat. Der war nämlich durch einen blinden Fleck in Form eines halbrunden Schattens etwas eingeschränkt. Es ist nicht gut, wenn vor einem jemand sitzt, der größer ist, als man selbst. Und es ist noch ungünstiger wenn, wie in meinem Fall, diejenige auch mit allen Bewegungen mit geht, die man macht, um den Schatten zu umgehen. Im Gegensatz zu den Bildern, die ich freundlicherweise hier verwenden darf, waren meine einer Art Scherenschnitt zum Opfer gefallen.

Das war aber schon der einzige Wermutstropfen, der verkraftbar war, denn mein Besuch bei den Stars und Sternchen war und ist für mich ein Gewinn auf ganzer Linie. Gemeinsam mit ca. 899 anderen Besuchern bekam ich einen eindrucksvollen Abend geschenkt. Von Menschen, die daran sicht- und hörbar Spaß hatten.

Ich kann euch also nur empfehlen, einmal eine Veranstaltung der Musical AG der Thomas-Morus-Realschule zu besuchen. Für mich selbst war STARS & STERNCHEN der Startschuss für weitere Veranstaltungen. Ich habe in diesem Jahr noch einiges vor, denn noch ist das Sortieren nicht ganz abgeschlossen. Aber ich werde in Zukunft definitiv wieder öfter von mir lesen lassen.

 

Bis dahin liebe Grüße

Eure Rike
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